Ein Plädoyer für Kulturelle Bildung

Aktualisiert: 25. Okt. 2021

Warum heute mehr Kulturelle Bildung möglich ist und was sie mit Macht und Gleichheit zutun hat.

 



 

Wer sich mit der Geschichte der Kunst auskennt weiß, dass diese uns lehrt, bereits an den Fassaden der Städte die Diversität der gesellschaftlichen Entwicklungen abzulesen. Die Geschichte führt uns mittels Zeichen, Formen, Materialen, Farben und Stilrichtungen vor Augen, wie häufig sich die Gesellschaft gewandelt hat. Wer diese Semantik nicht lesen kann, verpasst einen ganzen Kosmos an Wissen und kann leichter durch visuelle Einflüsse unbewusst gelenkt werden. Der gesellschaftliche Wandel, der gestiegene Bildungsgrad der Gesellschaft und die Digitalisierung bieten eine Basis, das Wissen über Kunst und Kultur so breit und so vielschichtig zu vermitteln, wie nie zuvor. Eine inklusive Kulturelle Bildungspraxis bietet die Gelegenheit, Rollen, Identitäten und Positionen zu wechseln, zu entwickeln und infrage zu stellen.


Kunstwerke und Artefakte stehen stets im Kontext ihrer Entstehung. Es geht nicht lediglich um die reine Wahrnehmung der Ästhetik, der Technik oder des Materials: Es kann immer gefragt werden, wann oder warum ein Werk entstanden ist, wie es sich zu den anderen Strömungen dieser Zeit verhält und woran diese Strömungen in einem Werk erkannt werden können. Werden Werke in einer Gruppe präsentiert, entsteht ein Dialog mit neuen Geschichten, die uns wiederum eine ganz andere Thematik aufzeigen können. Es besteht die Möglichkeit, viele Geschichten über diverse Kanäle zu einem Werk oder einem Ausstellungsthema zu transportieren. Interessierte sowie potenzielle Gäste von Museen können sich über die Werke informieren und dadurch bereits Wissen oder gar eine Beziehung zu dem Ort und den Werken aufbauen.




Warum Kunstverständnis wichtig ist


Die mittelalterliche Malerei in Sakralräumen hat beispielsweise primär dazu gedient, die Gesellschaft des Christentums zu lehren und war damit auch eine Maßnahme der Sozialisation. Menschen, die nicht lesen konnten, sollten das gesprochene Wort der Predigt durch die bildlichen Darstellungen besser verinnerlichen und verstehen. Auch heute brauchen wir Hilfestellungen, die uns die Narrativik historischer und zeitgenössischer Bilder vermitteln.


Dass die meisten Menschen auch nach so vielen Jahrhunderten die Bilder der Kreuzigung oder der Geburt Christi als solche erkennen, lesen und verstehen können, liegt daran, dass diese Geschichten noch heute eine weite Verbreitung finden. Jene Bilder erzählen uns weiterhin von einem Machtinstrument (der Kirche), einer oder mehrerer Organisationen, die mittels dieser Bilder ganze Gesellschaften geprägt haben. Religiöse Darstellungen beeinflussten die Wertvorstellungen, Handlungsweisen und Lebensrhythmen der Menschen der damaligen Zeit. Die Fähigkeit dieser zeitgenössischen Interpretation, nicht lediglich eine Darstellung, sondern auch den Kontext der Darstellungen wahrnehmen zu können, geschieht auf der Grundlage von historisch-kulturellem Wissen.


 




Matthias Grünewald, Isenheimer Altar, 1516.


 


 

Kulturelles Kapital und Macht


Dass die Kunst schon immer im Zusammenhang mit Macht stand, war und ist kein Geheimnis. Der Adel gab die Kunst in Auftrag, um mit dem Volk zu kommunizieren und von dem Fortschritt der Kunstschaffenden zu profitieren, die durch ihr Handwerk immer neue auch wissenschaftliche Erkenntnisse erlangten. Schließlich bildete sich der Adel durch die Geschichten, die die Kunst erzählt, weiter. Heute ist es nach wie vor der wohlhabende Teil der Gesellschaft, der Kunst verstehen und besitzen kann. Die Verfügung über kulturelles Kapital bedeutet Verfügung über Bildung und Wissen. Dieses Wissen ist so kostbar, dass es in ökonomisches Kapital umgewandelt werden kann. Eine Ungleichheit des kulturellen Wissens trägt deshalb zur gesellschaftlichen Ungleichheit bei.


Der französische Soziologe Pierre Bourdieu spricht um 1980 von sogenannten Kapitalsorten: Dem ökonomischen, dem sozialen und dem kulturellen Kapital. Das ökonomische Kapital fasst die materiellen Ressourcen zusammen, die einem Individuum zur Verfügung stehen. Das soziale Kapital wiederum die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder einem Netzwerk und das kulturelle Kapital die Bildung in Form von schulischer und akademischer Bildung, gelesener Literatur und der Kenntnis von Kunst und Kultur. Diese Kapitalsorten sind stets relevant, um in den gesellschaftlichen Feldern agieren zu können. Sie können sogar voraussetzend für Teilhabe an einzelnen Feldern sein, so etwa das kulturelle Kapital in Form von akademischer Bildung für bestimmte Berufsgruppen. Das Verfügen über diese Kapitalsorten ist gleichermaßen wertvoll, doch nicht gleichermaßen verteilt.


 



Pierre Bourdieu (1983): Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital – Soziales Kapital. In: ders. (1993): Die verborgenen Mechanismen der Macht, S. 49-80.



 

In den rationalisierten Gesellschaften von heute stehen die kulturellen weit hinter den ökonomischen Interessen. Man ordnet sie eher in den Bereich der Freizeit ein, während Kunst als etwas deklariert wird, was weniger erlebnisreich von Laien wahrgenommen wird und entsprechend um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft kämpfen muss. Dies hat die Pandemie wiederholt unterstrichen. Doch könnte der Grund ebenso in dem fehlenden Verständnis und damit dem überschaubaren Interesse der Allgemeinheit verborgen liegen. Dennoch war Kultur noch nie so einfach und so niedrigschwellig zugänglich wie heute. Zu keiner Zeit war es so unkompliziert, selbst kulturell produktiv zu werden und dabei unmittelbar eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. Die Digitalisierung öffnet uns Türen zu neuen Ausdrucks- und Verständnisräumen.

Die Museen unserer Städte, als „Tempel“, die für die Aufbewahrung und vor allem die Vermittlung dieser historischen Zeugnisse zuständig sind, können und müssen sich auf neue Wege einlassen, um in der digital dominierten Welt nicht nur fortzubestehen, sondern auch die nötige Anerkennung zu gewinnen. Doch müssen sie vor allem die Chance nutzen, mit einem viel breiteren Publikum zu interagieren. Die Zielgruppen von morgen sind es gewohnt, sich Wissen schnell und häufig digital anzueignen. Dies bedeutet, dass Wissen über Kunst und Kultur weiter und schneller verbreitet werden kann, sofern es entsprechend aufbereitet und präsentiert wird. Die neuen Medien der Distribution bergen also auch neue Hoffnung in Sachen der gesellschaftlichen Gleichberechtigung qua Zugangsmöglichkeiten.


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