Das digitalisierte Museum

Aktualisiert: 25. Okt. 2021

Wie man ein Museum wirklich digital macht, welche Werkzeuge zur Verfügung stehen, um interaktive Räume zu schaffen, und was sich im deutschen Museumsbetrieb ändern muss.



 




 

Die Museen betreten als öffentliche Einrichtung immer aktiver den digitalen Raum. "Museumsobjekte für die virtuelle Gemeinschaft!" - scheint der Slogan zeitgenössischer Museumsfachleute in aller Welt zu sein. Sie alle haben Erfahrung mit der Digitalisierung von Kunstobjekten, auch wenn diese Erfahrung unterschiedliche praktische Mechanismen und semantische Anklänge in den Bereichen des kulturellen Lebens des einen oder anderen Landes hat. Was internationale Museumssammlungen vereint, ist die Tatsache, dass diese im Wesentlichen publikumsorientiert und hochgradig interaktiv sind.


Internationale Erfahrungen


Das Cooper-Hewitt, Smithsonian Design Museum, ist ein Beispiel für den Einsatz digitaler Technologie im Museumsbereich. Wenn wir das Museum besuchen wollen, erhalten wir am Eingang einen interaktiven Stift und eine Eintrittskarte. Während wir die Ausstellung besuchen, können wir die Gegenstände, die uns interessieren, mit dem Stift berühren und so relevante Informationen über einen uns persönlich interessierenden Bereich herunterladen. Gleichzeitig werden Informationen über unsere Auswahl von den Museumsmitarbeitern gesammelt und analysiert, um ein besseres Verständnis der Besucherinteressen zu erhalten. Hier können Sie einem Text von einem Museumsanalytiker entnehmen, welche Daten das Museum direkt von den Stiften der Besucher erhält, wie die Daten weiterverwendet werden und warum dies für das Museum von Bedeutung ist.


 


 

Es gibt bereits diverse Erfahrungen mit der Digitalisierung von Kunstobjekten: Eines der ersten europäischen Museen, das einen großen Teil seiner Sammlung der Öffentlichkeit digital zugänglich gemacht hat, war im Jahr 2013 das Rijksmuseum in Amsterdam. Um auf die daraus resultierende Datenbank von Kunstwerken (rund 460.000 Stück) aufmerksam zu machen, wurden 2014 die Designwettbewerbe des Rijksstudio Award durchgeführt. Das Wesentliche an diesen Wettbewerben war, dass jeder auf der Grundlage von digitalisierten Objekten und mit Hilfe von Grafik-Editoren eigene Werke in den Bereichen Kunsthandwerk, Fotografie, Bekleidungs- und Accessoire-Design usw. erstellen und präsentieren konnte.


 

Quelle: https://www.rijksmuseum.nl/en/rijksstudio/144597--entries-rijksstudio-award/creations


 

Heute sind in etwa 800.000 Werke des Museums online zugänglich und können bis ins Detail inspiziert werden. Content in Form von Videos, Texten und Audios wird in den einzelnen Objekten mit angezeigt, damit sich die User mit den Werken möglichst vertraut machen können. Neben diversen Möglichkeiten durch die digitale Sammlung geleitet zu werden, werden ähnliche Werke vorgeschlagen, sowie die Farben der Werke als Farbpalette präsentiert. Auch ein digitales Geschäftsmodell ist integriert: Es besteht die Möglichkeit, die Werke aus der Onlinesammlung als Poster oder Handy-Hülle zu erwerben sowie (im selben Browser-Fenster) die Tickets zu den Ausstellungen zu akquirieren.


 

Quelle: https://www.rijksmuseum.nl/en/my/collections/213416--patty-struik/fashion-details/objecten#/SK-A-2418,1


 

Das Metropolitan Museum of Art (USA, New York) eröffnete den virtuellen Zugang zu seiner Sammlung (rund 375.000 Objekte) im Jahr 2017. Zu jedem Stück gibt es Karten mit Informationen über den Hersteller, das Entstehungsdatum, das Material usw. Sie können alle heruntergeladen, ausgedruckt und für Studien oder Forschungszwecke aber auch kommerziell verwendet werden. Ein wichtiger Teil der Bemühungen des Metropolitan Museum of Art um die Digitalisierung seiner Sammlungen sind die Kooperationsprogramme mit Wikimedia, der Digital Public Library of America und Pinterest. Das Ergebnis ist, dass die Nutzer Zugang zu qualitativ hochwertigen Bildern von Kunstwerken haben. Der virtuelle Katalog des Metropolitan Museum of Art bietet seit 2019 auch weiterhin eine thematische Suche und eine Sortiermöglichkeit nach Stichworten. Insgesamt gibt es rund mehrere Tausend davon und sie werden ständig erweitert. Wenn Sie sich beispielsweise für Bilder von Truthähnen interessieren, wählt das System thematische Beispiele für solche Bilder, etwa deren Abbildung auf einem mexikanischen Gefäß, einer deutschen Terrine aus dem 18. Jahrhundert oder schlägt ein Gemälde des französischen Künstlers Jean-François Millet vor.


Zum Ende des Jahres 2018 begann das Metropolitan Museum of Art eine Zusammenarbeit mit Microsoft und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT), um die Mechanismen zur Integration von Museumssammlungen in den virtuellen Raum weiter zu verbessern. Neuerdings ist auch eine thematische Auswahl möglich, die auf der Grundlage von Standort, Vorlieben, Weltereignissen oder lokalen Nachrichten erstellt wird. Das Metropolitan Museum of Art wird es nicht dabei belassen, denn das Projekt ist offen für weitere Entwicklungen.


Status Quo deutscher Museen


In Deutschland schreitet die Digitalisierung von Sammlungen ebenso voran. Ein gutes Bespiel dafür ist die Onlinesammlung des Städel Museums in Frankfurt. Etwa 26.000 Werke sind online, 3000 davon mit 80 Begriffen verschlagwortet. Die Sammlung verfügt über einen Konfigurator, der mittels Zufalls drei Schlagworte kombiniert, um ein passendes Werk aufzuzeigen. Weiterhin werden mehrere Gruppen von ähnlichen Werken angeboten, die mittels gleicher Begriffsgruppen zusammengestellt werden. So können die User nach Werken mit ähnlicher Stimmung, Wirkung oder einem ähnlichen Motiv filtern. Im Pandemiejahr 2020 wurde die Digitale Sammlung des Städels zehn Mal häufiger aufgerufen als im Jahr zuvor, so die Aussage des Hauses.



 

Quelle: https://sammlung.staedelmuseum.de/de


 

Ein weiteres Beispiel ist das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Bereits beim Betreten der Sammlung erhält man die Information, dass alle Bilder, die mit dem Hinweis "Public Domain" gekennzeichnet sind, frei downloadbar und zu verwenden sind - "privat, wissenschaftlich, kreativ und kommerziell". Zusätzlich wurde ein MKG-Studio kreiert, das Ideen zur Weiternutzung der Werke liefert.

Eine wertige digitale Sammlung bildet die Basis für den digitalen Auftritt. Ob die Digitalisate für Printmedien oder in den Designabteilungen der Marketingteams weiterverwendet werden oder neue Guides als App zur Verfügung gestellt werden, all das geschieht mit Hilfe einer wohl strukturierten Sammlungsdatenbank.


Ein zusätzlicher Vorteil einer digitalen Sammlung ist die Tatsache, dass das Publikum auch Werke sehen kann, die im Depot gelagert bleiben und aufgrund des permanenten Platzmangels in den Dauer- und Sonderausstellungen keinen Platz zur Präsentation finden. Der digitale Raum bietet eine ideale Plattform für die Kunstvermittlung. Die Accounts der Social-Media Plattformen können täglich mit neuen Werken der Sammlungen bespielt werden, damit der Austausch mit den Followern stets aktuell bleibt. Es gibt sogar Museen, die mit Influencern arbeiten, um sich als Haus bei neuen Zielgruppen bemerkbar und beliebt zu machen. So haben im Jahr 2016 die Pariser Museen eine Influencer-Kampagne gestartet, Hashtag #parallelesparismusees, in deren Rahmen Instagrammer bekannte Kunstwerke neu interpretieren sollten. Die Beiträge sind nicht nur auf Instagram veröffentlicht worden, sondern wurden auch im Bahnhof Saint-Lazare in Paris ausgestellt.



 

Quelle: https://www.instagram.com/explore/tags/parallelesparismusees/?hl=en


 

Hürden der Umsetzung


Doch ist es in Deutschland nicht allen Museen recht, ihre Objekte im Web zu teilen, um weiteres Publikum zuzulassen. Im Jahr 2018 hat der BGH eine Entscheidung getroffen, die den freien Kulturaustausch, die kulturelle Bildung und die Entwicklung der Digitalisierung im Kulturbereich auf Jahre hinaus erschweren könnte. Das Reiss-Engelhorn-Museum aus Mannheim wandte sich wegen eines Wikipedia Artikels an den BGH. Allem voran stand die Frage, inwiefern die digitale Reproduktion eines gemeinfreien Werkes mittels Fotografie wiederum dem Lichtbildschutz nach § 72 UrhG unterliegt. Ein Wikipedia-Nutzer hat im Museum selbst Aufnahmen gemeinfreier Werke angefertigt. Das Fotografieren ist allerdings laut Nutzerordnung des Museums untersagt, auch wenn nicht klar ist, ob es eine mündliche Genehmigung gab. Weiterhin hat der Besucher Fotos gemeinfreier Werke aus Katalogbänden eingescannt. Die Digitalisate platzierte er in der Mediendatenbank Wikimedia, um sie der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Beides wurde seitens des Gerichts untersagt. Dieser Fall verdeutlicht die Befürchtung mancher Museen, die bloße Ansicht eines Digitalisats würde Kulturinteressierte von der Betrachtung des Originals abhalten. Das dies ein Trugschluss ist, haben bereits regionale und internationale Museen unter Beweis gestellt. Im Gegenteil, die Weiterverarbeitung und das Teilen der Abbildungen trägt zur Reichweite der Kunstwerke wie der Häuser, die diese beherbergen, bei.


Perspektiven


Es gibt nach wie vor viele Ausstellungshäuser, die sich gegen das Fotografieren in den Ausstellungsräumen entscheiden. Ob dies mit der Strategie der Museen vereinbar ist, muss jedes Haus für sich entscheiden. Doch gibt es bereits viele positive Erfahrungen damit, Blogger und Influencer mit in das Marketing einzuschließen. Einen Erfahrungsbericht liefert dafür beispielsweise die Kunsthalle Karlsruhe. Dort wird seit 2014 mit diesen Akteuren zusammengearbeitet, um die Reichweite zu erhöhen. Gerade Museen in kleineren Städten sollten die Postings einer Person auf Social-Media nicht unterschätzen. Eine ganze Generation nimmt mittlerweile ausschließlich Veranstaltungen wahr, für die auch online geworben wird. Ein positiver Bericht über einen Ausstellungsbesuch ist die beste Werbung, die sich ein Haus wünschen kann und dazu braucht man heutzutage auch entsprechendes Bildmaterial.


Weiterhin gibt es das Problem, dass sich die Kuratoren viel Mühe geben, während der Ausstellungsplanung ein Konzept zu erarbeiten und ein Thema aus einem bestimmten Blickwinkel zu präsentieren. Doch nützt diese Mühe nichts, wenn das Publikum nur wenig davon versteht. Die Texte zu Ausstellungen werden meist in knappen Artikeln auf der Homepage platziert und skizzieren nur grob das Thema sowie die vertretenen Künstler und Werke. Ergänzend gibt es ein paar Artikel in der Presse, die meist dieselbe Information in anderen Worten wiedergeben. In der Ausstellung wird dann ein Einleitungstext an der Wand präsentiert, meist am Eingang, und dann eine Reihe von Arbeiten mit Titel und Entstehungsjahr und, wenn der Laie Glück hat, wenige Zeilen zum Inhalt der Werke. Der digitale Raum ist hingegen durch den stärkeren Informationsvermittlungscharakter gekennzeichnet. Wenn wir heute an Informationen kommen möchten, dann greifen wir zu einem Gerät mit Internetzugang und schauen nach. Wenn wir dann keine Information finden, sind wir meist enttäuscht. In Deutschland scheint die Schirn und das Städel dieses Problem am intensivsten fokussiert zu haben, worauf das Initiieren des Digitorial im Jahr 2014 hindeutet. Die Digitorials dienen der Vermittlung von Ausstellungsinhalten und bieten bereits vor dem Ausstellungsbesuch spannende Einblicke in die Themen. Diese sind mit innovativem Storytelling und einer explorativen Userführung leicht zugänglich aufbereitet. Doch auch wenn dieses Format bereits einige Jahre bekannt ist, gibt es kaum Museen in Deutschland, die diesem Bespiel folgen.


Entsprechend herrscht noch Bedarf, die Sammlungen der Museen überhaupt ins Netz zu befördern oder aus den digitalen Sammlungen ein interaktives Erlebnis zu gestalten. Weiterhin besteht nach wie vor eine Barriere, um den analogen Bestand online zu präsentieren, da man einen Rückgang der analogen Nachfrage befürchtet, obwohl andere Häuser das Netz und seine Werbekanäle bereits in vollen Zügen erfolgreich für sich nutzen. Entsprechend bleibt das Potenzial Vermittlung online zu betreiben weitgehend ungenutzt oder nicht ausgeschöpft, weshalb mehr Change Management im Museumsbereich betrieben werden muss.


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